25. April 2012

Mein Geschwindigkeitshuhn


Mein Pferd heisst Speed Hena, dieser Name kommt angeblich aus dem Dänischen und bedeutet übersetzt „Geschwindigkeitshuhn“. Ob das wirklich stimmt habe ich nie nachgeprüft, denn ich find’s lustig und so glaube ich das einfach mal. Geschwindigkeitshuhn passt auch wunderbar zu diesem wilden Vogel (abgesehen von der Tatsache, dass das Huhn eigentlich ein Hahn sein müsste, denn Speed ist ein Wallach…)
Gekauft habe ich Speed vor 12 Jahren sozusagen direkt von der Trabrennbahn weg. Er gehörte einem guten Bekannten dessen Hobby das Trabrennfahren ist. Er kauft immer wieder die Pferde auf, die aus dem „großen“ und geldbringenden Sport aus den verschiedensten Gründen aussortiert wurden.  Entweder sie sind krank, sie laufen nicht mehr schnell genug oder sie sind nicht mehr „klar im Kopf“ – wie das der Mensch so schön nennt. 
Rennpferde müssen im Sport einwandfrei funktionieren, sie dürfen sich keine Unartigkeiten erlauben, sie müssen immer an die maximale Grenze ihrer Leistungsfähigkeit gehen und sie müssen in aller erster Linie Geld einbringen. Wenn das nicht mehr klappt, dann werden sie verkauft und zwar egal an wen. Wer zahlt bekommt das Tier und es ist völlig schnuppe was daraus wird: Neuer Sieger oder Salami.
 
Unser Bekannter kauft solche „ausrangierten“ Tiere und beobachtet sie, stellt sie zuerst einfach mal auf die Weide und lässt sie zur Ruhe kommen. Dann versucht er sie langsam und mit unheimlich viel Pferdeverstand wieder anzutrainieren. Wenn die Pferde mitmachen, dann setzt er sie – wenn sie nach vielen Monaten wieder soweit sind – sehr bedächtig auf kleinen Grasbahnrennen ein. Sie müssen nicht gewinnen, aber sie sollen wieder Spaß am Laufen haben. Denn dafür sind Traber gezüchtet – und grade die Pferde die schon viele Rennen hinter sich hatten, können den gedanklichen „Rennschalter“ oft nur sehr schwer wieder ausschalten.


Wenn sie keine Rennen mehr gehen wollen, dann werden sie sehr pferdegerecht auf Freizeitpferde umgeschult und anschließend in gute Hände verkauft. Und genauso kam Speed zu mir. Es war Liebe auf den ersten Blick (zumindest meinerseits), aber da stand er noch nicht zum Verkauf, sondern war grade erst bei unserem Bekannten eingezogen. Aber schon nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass dieser Wallach nicht mehr im Rennsport eingesetzt werden sollte. Und so kam er dann doch zu mir als Freizeitreitpferd.
 
Ich bekam mein Traumpferd – weder optisch, noch größenmäßig, noch verhaltenstechnisch das was ich eigentlich wollte, aber herzensmäßig ein Volltreffer.
 Speed ist in seiner Herde ein sehr ranghohes Tier, hat einen starken Willen, eine große Portion Misstrauen fremden Männern gegenüber und eine ordentliche Ladung Temperament. Ein richtiges Rennpferd halt, so ne Art Ferrari-Cabrio unter den Pferden... Ein bisserl aufs Gas gedrückt und schon pressts Dich in den Sitz, der Fahrtwind treibt einem die Tränen in die Augen und Du erlebst zum ersten Mal was das Wort „schnell“ wirklich bedeutet!
 
Bevor ich ihn gekauft habe, hat Speed eine 10jährige Trabrennkarriere mit schnellen Laufzeiten und einigen Gewinnen hinter sich gebracht. 
 Aber im Laufe der Zeit schmälerten Verletzungen und chronische gesundheitliche Beeinträchtigungen seine Leistung, und so wurde er aussortiert. Die körperlichen Verletzungen steckte er weg, er ist wirklich hart im Nehmen – das hat er so gelernt. Aber die seelischen Schmerzen die ihm zugefügt wurden, die blieben viele Jahre lang. Noch heute ist er extrem misstrauisch Männern gegenüber, man darf nicht laut schimpfen (sollte einem doch mal der Hut hochgehen…), keine Gerte benutzen und ein Feuerzeug treibt sein tapferes Traberherz zur Verzweiflung. Er ist sehr schwierig zu reiten denn er ist ja eigentlich zum Fahren und nicht zum drauf sitzen gezüchtet worden, hat also einen ganz anderen Körperbau als ein Reitpferd. Aber er bemüht sich wirklich immer, mir alles recht zu machen.

Er ist ultra sensibel und wahnsinnig misstrauisch gegenüber Tierärzten. Eine Ärztin, die ihm am Hals eine Injektion geben musste und ihm dazu das Fell rasierte meinte, sie hätte noch nie in ihrem Leben so viele alte Einstichstellen an einem Pferd gesehen…
 
Als er von der Rennbahn weg kam, konnte man ihn nicht am Kopf anfassen. Seine Ohren waren völlig vereitert und voller altem Blut. Das kommt durch die mit Ohrstöpsel ausgestatteten Mützen die Trabern bei Rennen aufgesetzt werden. Diese Hauben sind mit einer Schnur mit dem Fahrer verbunden und in der Zielgeraden wird fest an der Schnur gezogen. So reißt man die Mütze samt Stöpsel aus den Ohren und damit soll erreicht werden, dass der Lärm der Rennbahn, das Schreien der Zuschauer, die Lautsprecherdurchsagen, das Schnaufen der anderen Pferde, das Schreien und Schlagen der Fahrer ganz plötzlich und sehr laut auf die Tiere einströmt und sie dadurch noch schneller laufen lässt, sie also fast in Panik versetzt. Bei jedem Ziehen der Mütze entstehen dann blutige Verletzungen in den Ohrmuscheln.
 
Speed hat in einer harten Schule von klein auf gelernt, immer alles zu geben auch wenn es völlige Erschöpfung bedeutet, sich in seine Aufgaben unermesslich reinzusteigern und die Erwartungen seiner Menschen zu erfüllen. Dass er keine Schläge mehr bekommt wenn er sich anders verhält – das dauerte Jahre bis er das verstanden und vor allem auch geglaubt hat.

Alleine der erste Galoppsprung den er ohne Angst und Schweißausbruch gemacht hat, der hat glaube ich drei Jahre auf sich warten lassen. Denn Traber werden aufs härteste bestraft wenn sie angaloppieren.
 
Pferde sind Fluchttiere und haben auf jedes Objekt und jede Situation ein ganz anders Augenmerk als wir Menschen. Zudem ist Speed in der Herde sehr ranghoch und trifft dort normalerweise die Entscheidungen was wann und wie gemacht wird. Mir vertraute er von Anfang an sehr, er geht mit mir durch jedes Hindernis, auch wenn er sich noch so davor fürchten sollte, er glaubt er mir, wenn ich ihm signalisiere, dass ihm nichts passieren wird. Dieses Vertrauen weiß ich sehr zu schätzen und bin immer wieder beeindruckt, wie er seine „Verantwortung“ an mich abgibt sobald wir etwas miteinander unternehmen.
 
Aber was mich am allermeisten beeindruckt ist sein unglaubliches Gespür für Situationen und Menschen. Obwohl er ansonsten ein eher schwieriges Pferd sein kann - mit Kindern ist er ein Traum.
 
Eine Freundin hat einen autistischen Sohn. Eigentlich fürchtet sich der Bub vor Pferden, aber vor kurzem hat er sich doch durchgerungen, diesen Tieren einmal etwas näher zu kommen. Er hat sich dafür Speed ausgesucht - besser hätte er seine Wahl nicht treffen können, Herz erkennt Herz - und ich wusste sofort, dass das gut klappen würde. Hört man das als Unbeteiligter mag man sich an den Kopf greifen und sagen „die spinnt, setzt ein Kind auf ein Rennpferd!“ – aber ich kenne meinen Wallach genau… Von dem Moment an als der Bub Kontakt mit ihm aufgenommen hatte spürte Speed die Besonderheit des Kindes. Der Junge war sehr aufgeregt, er hüpfte herum, rannte weg, sprach laut; das sind typische Ausprägungen dieser Form des Authismus’. Bei Pferden kann so ein Verhalten aber alles andere als Ruhe auslösen und sie nervös und schlecht kontrollierbar machen. Speed nahm alles völlig gelassen hin und als wir ihn gesattelt in die Halle führten war er die Ruhe in Person. Das Kind kletterte in den Sattel und von diesem Augenblick an hatte der Bub wirklich wahnsinnige Angst. Aber er saß nun schon mal oben und ich wollte ihn nicht mit dem Gefühl der Angst wieder absteigen lassen. Also beruhigten wir ihn, schnauften alle tiiiief durch und warteten, was nun weiter käme. Speed stand wie ein „Fels in der Brandung“ und merkte sehr genau, wie ängstlich der Junge war. Auch so was kann bei einem Pferd sehr kontraproduktiv sein, denn menschliche Angst signalisiert immer Gefahr und das bedeutet für ein Pferd immer potentielle Lebensgefahr.

Ich stand neben Speed und hielt ihn ruhig am Zügel. Da legte er sein Maul auf meine Schulter und schnaufte ebenso wie wir tief durch. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass er die Augen fast komplett schloss und ich hätte fast losgeheult weil ich von seiner Feinfühligkeit so berührt war. Er versuchte mit allen Mitteln, das Kind zu beruhigen (und wär dabei glaub ich fast selbst eingeschlafen). Es fehlte nur noch ein tiefes OMMMMMM aus seinem Maul...
 
Die Ruhe übertrug sich auf den Buben und siehe da, wir konnten zwei oder drei Schritte gehen. Er stieg ab und ich glaube er freute sich auch sehr, dass er so tapfer gewesen war. 

 
Für Speed war das alles auch sehr anstrengend gewesen und ich wollte ihm danach noch eine kleine Entspannungsrunde gönnen, weil er sich so sehr bemüht hatte. Aber irgendwie schien mir da jemand plötzlich ein anderes Pferd untergeschoben zu haben… Hibbelig, schnell, ein wenig miesmuffelig flitzte er durch die Halle und war zu keiner Zusammenarbeit bereit. Nun gut, ich belies es dabei denn er hatte mir gezeigt, dass es für heute genug war, er hatte seine Aufgabe erfüllt und machte mir dies unmissverständlich klar. Und beim zurückgehen in den Stall platzte ich innerlich fast vor Stolz auf dieses feinfühlige und wunderbare Pferd.
 
Wenn ich mir vorstelle, dass dieses sensible Tier 10 Jahre lang extrem hart erzogen und mit sicher nicht wenigen Schlägen und Gewaltanwendungen zu Dingen getrieben wurde die es niemals freiwillig gemacht hätte, dann könnte ich die Menschen die so etwas tun wirklich am Schlafittchen packen.

Es kostete mich unzählige Stunden, ja eigentlich viele Jahre, viele Rückschritte aber auch immer wieder Fortschritte um diese Schandtaten die an Speed begangen wurden wieder gut zu machen und ihm zu zeigen, dass Menschen auch Freunde sein können mit denen man zusammenarbeiten kann, die ihn respektieren und bei denen er trotzdem Pferd sein kann. Ich nehme mir gerne die Zeit dafür, denn ich muss niemandem etwas beweisen, mein Pferd muss keine Höchstleistungen mehr erbringen und es muss sich auch nichts „rechnen“!
 

Natürlich muss ein Pferd in gewisser Weise „funktionieren“, denn man darf nicht vergessen, dass es an die 5oo bis 600 Kilo wiegt und einem Menschen in fast jeder Sache überlegen ist. Man darf es niemals vermenschlichen, es ist kein Schoßtier sondern ein Fluchttier dessen Instinkte und blitzartigen Reaktionen unter Umständen sehr gefährlich für den Menschen sein können. Aber man muss ihm mit dem Willen begegnen, dieses wunderbare Wesen in all seiner Vielfältigkeit zu verstehen, sich mit seiner Natur und den daraus resultierenden Verhaltensweisen zu beschäftigen und die Arbeit mit ihm dementsprechend zu gestalten. Das ist ein langer und manchmal auch sehr holpriger Weg der einem von anderen Pferdebesitzern und Reitern sicher oft ein müdes Lächeln oder dumme Kommentare einbringt. Aber was solls – schlussendlich zählt der Erfolg: nämlich die freiwillige Kooperation eines Pferdes zu erhalten – und dies nicht durch gewaltsame Unterdückung sondern durch Vertrauen. 

Respektvolle Zusammenarbeit, absolute Ruhe und Verständnis sollte also die Devise sein. Dass das möglich und sehr sinnvoll ist, dafür gibt es viele, viele Beweise. Dass das aber ganz oft nicht gemacht wird und statt dessen Unwissenheit, Profilneurosen und Geldgier im Vordergrund stehen, dafür gibt es leider viele tausend Beweise mehr. 

Schauen Sie nur mal mit offenen Augen auf eine Rennbahn, auf ein Reitturnier oder in den Reitstall bei Ihnen um die Ecke… 

Diese Geschichte wurde eingeschickt von Sylvia Enders, THV-Team