4. Mai 2012


Emil und ...
                                die Katze

Als wir uns im Dezember in diesen uns noch völlig unbekannten spanischen Zausel verschauten, rechneten wir mit allen möglichen neuen Herausforderungen und wurden letztlich von einem Hund überrascht, den wir uns beinahe nicht großartiger wünschen könnten.
Dieses "beinahe" würde unsere Katze Java vermutlich doppelt unterstreichen und würde man sie nach ihrem ersten Eindruck befragen, auch alles andere als unsere Begeisterung für den neuen Mitbewohner teilen, obwohl sie durchaus kein Hundefeind ist. Das Emil hingegen kein grundüberzeugter Katzenfreund ist, hatte er vermutlich irgendwo zwischen Spanien und Deutschland beschlossen.


Obwohl wir uns nach der "Warnung" im persönlichen Gespräch mit Claudia, dass ein bestandener Katzentest keine Garantie für ein von Beginn an problemloses Miteinander sei, auf einige anstrengenden Tage gefasst machten, hatten wir zu dem Zeitpunkt keine Ahnung auf welche Geduldsprobe wir uns einlassen würden.
Nachdem Emil die lange Fahrt von Spanien nach München und mit uns weiter nach Berlin überstanden hatte, versetzte ihn der erste Anblick unserer Katze buchstäblich in Alarmbereitschaft: wild bellend, jaulend und orientierungslos um sich schnappend gab er uns zu verstehen was er von ihr hielt. Wir versuchten uns dieses erste katastrophale Aufeinandertreffen mit seiner langen  stressigen Anfahrt und seiner Unsicherheit angesichts des völlig neuen Umfelds zu erklären.
Sein Verhalten unserer Katze gegenüber änderte sich jedoch auch in den darauf folgenden Tagen und, um das vorweg zunehmen, auch in den darauf folgenden Wochen nicht.
Alle Versuche ihn an einer Hausleine möglichst entspannt durch den gemeinsamen Wohnungsalltag mit der Katze an ihre Gegenwart zu gewöhnen, endeten darin, dass er nach ihr schnappte, sobald sich ihm die Gelegenheit bot. An diesem Punkt und mit der Einsicht, dass unsere Bemühungen in dieser Situationen zu keiner Lösung führen würden, beendeten wir vorerst jegliches Aufeinandertreffen der beiden, teilten sowohl Wohnung als auch unsere Aufmerksamkeit sozusagen Schichtweise - ständig begleitet von einem furchtbar schlechtem Gewissen, keinem der beiden gerecht werden zu können - und kontaktierten hoffnungsvoll eine Hundetrainerin.
Diese erste Hundetrainer-Episode bleibt mit der Erkenntnis abzukürzen, dass nicht jede Trainingsmentalität und Methode (ohne diese herabzusetzen) zu jedem Hund passt und man sich letztlich wirklich auf sein Bauchgefühl verlassen sollte. Unser Bauchgefühl und der gemeinsame Alltag mit Emil sagte uns, dass er weder ein stark dominanter Hund, noch dass das Katzenproblem ein reines Dominanzproblem ist. Somit waren wir zwar um eine Erkenntnis reicher, dass Problem blieb allerdings bestehen und zerrte an den Nerven aller Beteiligten.
Wir ließen die beiden zunächst weiter getrennt, da kein auch nur annähernd normaler Tagesablauf möglich war mit einem Hund an der Leine, der sich bellend auf die Katze stürzen möchte. Vor allem wollten wir auch die ungeheuren starken Nerven unserer Katze nicht mehr als sowieso schon überstrapazieren - allein über ihre unglaubliche Gelassenheit, Ruhe und täglich neue Geduld ließen sich Seiten füllen :-).
Wir begannen ca. drei mal am Tag die beiden zusammen zu bringen: Java auf einem erhöhten Ort an dem sie sich sicher fühlte und Emil an der Leine. Auf Bellen, Jaulen und Fixieren erfolgte ein nein - vergaß er sich in seiner Aufregung völlig, stupsten wir ihn in die Flanke - auf jeden ruhigen Moment viele ruhige feins und Kekse - noch mehr feins und Kekse wenn er uns anschaute.
Wir betraten den Raum möglichst ruhig mit ihm, ließen ihn sich auf seinen Platz legen, oder gingen mit ihm immer wieder in den Raum rein und raus. Nach einigen Tagen begannen wir ihn abends, wenn wir ruhig beisammen saßen, an einer Leine mit in das Wohnzimmer auf seine Decke zu nehmen. Unsere Katze konnte den Raum beliebig betreten oder verlassen.


Das Prinzip war das Gleiche wie zuvor: ein scharfes nein für Bellen, Jaulen und Fixieren, viele ruhige feins und Kekse für Ruhe, Entspannung und auf uns gerichtete Aufmerksamkeit. Zudem haben wir bemerkt, dass Emil sich beim Kauvergnügen an Ochsenziemer & Co. leichter weiter entspannte. Es erübrigt sich wahrscheinlich zu erwähnen, dass Java in dieser Zeit nahezu Narrenfreiheit genoss und  mit all denkbarer Dankbarkeit,  Leckereien und Tollem belohnt wurde. Schließlich sollte auch sie den Hund nicht nur als lärmendes Übel betrachten und sich als Freigängerin womöglich noch nach einem friedvollerem Ort umschauen.
Unsere "Übungen" liefen über Wochen hinweg, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Gab es Momente in denen wir dachten, dass Schlimmste wäre endlich ausgestanden, folgten Tage in denen Emil sich wie beim ersten Zusammentreffen aufführte. Letztlich aber machte er viele kleine Fortschritte, die wir vielleicht gar nicht immer sofort als solche wahrnahmen.
An dem Punkt, an dem wir so endlich relativ entspannt die Abende miteinander verbringen konnten, baten wir eine andere Trainerin, bei der wir mit Emil auch seit längerem die Hundeschule besuchen, uns weiterzuhelfen. Nach all den Erlebnissen der vergangenen Wochen hinsichtlich Emils Verhalten gegenüber Java reichte unsere Vertrauen in ihn, trotz seiner Fortschritte, nicht dafür aus ihn nun wirklich nah an sie heranzulassen. Und so kam unsere Trainerin vermutlich mehr um uns Vertrauen und Zuversicht zu bringen, als Emil weiter an die Katze zu gewöhnen.
In ihrem Beisein und unter anfänglicher Absicherung durch einen Maulkorb, an den er bereits seit längerer Zeit dank vieler Keksen gewöhnt war, lernten sich die beiden nun endlich mal auch aus der Nähe kennen (und Emil die Krallen bei seinen ersten sehr aufdringlichen Annäherungsversuchen).
In den nächsten Wochen ließen wir die beiden nun unter Aufsicht soviel wie möglich frei zusammen durch die Wohnung laufen, korrigierten Emils zu aufdringlichen Annäherungen, mögliches fixieren oder ständiges Hinterherschleichen wieder mit den bekannten neins und jedes gewünschte Verhalten mit vielen feins und Keksen.
Gänzlich unbeobachtet würden wir die beiden wohl noch nicht lassen und auch beim Füttern achten wir darauf, dass gewissen Grenzen eingehalten werden, aber das Ganze ist auf dem erdenklich besten Wege tatsächlich eine Freundschaft zu werden.


Während ich jetzt versuche, all die Ereignisse der vergangenen Zeit hier niederzuschreiben, liegen beide entspannt neben meinem Schreibtisch um im Anschluss wahrscheinlich wieder gemeinsam in der Küche aufs Abendessen zu schielen - eine Tatsache, die wir zeitweise nicht für möglich gehalten hätten.

Ich denke, dass Emil wirklich eine Ausnahme hinsichtlich dieser zu Beginn äußerst schwierigen Freundschaft darstellt und wir uns bestimmt in manchen Situationen nicht immer sofort angemessen verhalten haben - man wächst bekanntlich an seinen Aufgaben. Letzten Endes wird man jedoch für die Ruhe, Beharrlichkeit und event. Inanspruchnahme von professioneller Hilfe unendlich belohnt: belohnt mit einem wundervollen Hund, der vielleicht manchmal mehr als nur eine Chance benötigt und der einen dafür jeden Tag aufs Neue überrascht und unbeschreibliche Freude bereitet.

Die Geschichte wurde eingeschickt von Sabrina S., Adoptantin von Emil

Herzlichen Dank für diesen Bericht und die Geduld mit Emil! Wir hoffen sehr, dass sich so einige Menschen ermutigt fühlen, nicht gleich aufzugeben und den Hund wieder abzugeben. Sondern sich Zeit nehmen um mit seinem neuen Familienmitglied zu arbeiten. Denn auch unsere Tiere müssen erst lernen, wie es bei uns so läuft. Das geht nicht von heute auf morgen.