Und jetzt muss alles recht schnell gehen, denn ich arbeite ab sofort gegen die Zeit, oder um es besser zu sagen, gegen die Kälte.
Ich fülle die mitgebrachten Näpfe schnell mit frischem Nassfutter und sofort stürzen sich Giacomo und Bärli, die zwei mutigsten Katzen drauf. Dann kommen schon Bobby, die dicke Marie, Blacky, Obelix und einige weitere.
Sie schlingen was das Zeug hält, denn auch sie wissen: in wenigen Minuten ist das Futter angefroren, in etwa einer halben Stunde ist es ganz durchgefroren. Hier an der Futterstelle, mitten auf einer Anhöhe auf fast freiem Feld hat es immer noch mal ein paar Grad weniger als im Wohngebiet.
Sobald alle Näpfe gefüllt sind, werden sie flott gegen die alten Näpfe in der Futterstation ausgetauscht. Dabei sehe ich jeden Tag, dass ein großer Teil des Futters in den Näpfen gefroren ist. In der Mitte ist immer ein Stück freigeleckt, aber die kleinen Zungen können kaum so schnell arbeiten wie der Frost. Das Futter gefriert den Miezen vor der Nase.
Unter jeden Napf kommt ein kleiner Taschenhandwärmer, aber das ist nur ein kläglicher Versuch, das Futter etwas länger vom Gefrieren abzuhalten – aber eine andere Möglichkeit habe ich nicht. Es gäbe noch Platten, sogenannte Snuggle Safes, die in der Mikrowelle zu erhitzen wären und viele Stunden warm halten, aber das ist einfach zu teuer. 18 Euro kostet eins dieser Dinger und ich bräuchte mindestens 10 davon. Immer 5 pro Tag zum Unterlegen und 5 im Austausch um sie zuhause aufzuwärmen und dann wieder mitzunehmen. Und die Futterstation steht frei zugänglich für Jeden. Näpfe wurden mir schon entwendet, wer weiss dann, wer diese Warmhalter noch brauchen könnte …
So, dann noch schnell das Trockenfutter aufgefüllt. Das Nachrutschen der Körnchen aus der Futterstation klappt nicht so richtig und manche der scheuen Katzen trauen sich auch nicht auf das obere Brett zu springen um dort an die Futterraufe ranzukommen. Also stelle ich etwa zwei mal 1 Kilo Trockenfutter runter auf den Boden. Es ist am nächsten Tag immer komplett weg.
Inzwischen sind meine Finger steif gefroren, ich kann die Taschenwärmer kaum noch knicken um sie in Gang zu setzen, und fast jeden Tag gehen ein oder zwei dieser blöden Dinger kaputt…
Einige dieser 30 verwilderten Katzen erlauben mir, sie während des Fressens zu streicheln. Nie gehe ich, ohne ihnen diese Zuwendung zuteil werden zu lassen. Jetzt, bei diesen Temperaturen spüre ich deutlich wie sie zittern. Sie haben hier zwar Unterschlupf, aber dies sind nur zugige, undichte Scheunen aus Holz. Innentemperatur ist gleich Außentemperatur.
Keine Wärme. Sie haben ein Winterfell, aber sie sitzen auf kaltem, nassen Boden. Die Kühe, die früher angenehme Wärme abgegeben haben, sind nicht mehr da. Sie landeten schneller im Schlachthof als der alte Bauer begraben werden konnte.
Früher war auf diesem Hof sicher auch nicht alles Eitel Sonnenschein. Aber heute regiert hier die Kälte – und das nicht nur im Winter. Auch bei Sonnenschein und 30 Grad. Die Erben wollten die „überflüssigen“ Katzen aushungern. Oder anderweitig entsorgen. Sind ja zu nichts nutze und verschmutzen nur den völlig verwahrlosten Hof noch zusätzlich. Aha.
Klar sind sie zu nichts mehr nutze – keine Kühe, also kein Futter mehr, also auch kaum noch Mäuse hier. Aber sie sind eben da. Sie leben hier, sie streiten hier, sie sterben hier. Es sind 30 verwilderte Katzen der verschiedensten Generationen, von 6 Monaten bis ca. 10 Jahren, in allen Kategorien von Chefkatze bis Letzter in der Rangfolge. Den vielgenannten Welpenschutz gibt es hier nicht, es überlebt, wer stark ist und sich durchsetzen kann.
Auch heute fehlen mir wieder einige der Miezen die ich inzwischen alle mit Namen bedacht habe um sie auseinander halten zu können. Aber ich darf nicht herumgehen und schauen ob irgendwo eine verletzt oder krank liegt. „Die Tierschützer“, also ich, dürfen ausschließlich diese Wiese betreten und füttern. Und auch nur an der Futterstation, nirgendwo anders, sonst bekäme ich die Mistgabel zu spüren.
Als ich einmal eine scheue ca. 6 Wochen alte Babygruppe unter einer Tanne gefüttert habe, wurde den Kleinen die Schüssel unterm Fressen weggerissen – ich darf eben nur im Futterhäuschen füttern. Nirgendwo anders. Und weil der Hof nicht mehr bewohnt ist, wurden Kameras installiert, damit auch jeder nur dorthin geht wo’s erlaubt ist. Und nirgendwo anders.
Ich setze mich wieder ins warme Auto und fahre nach Hause. Als ich später den Wetterbericht ansehe und dort wieder mal nächtliche Temperaturen von bis zu -20 Grad angekündigt werden, könnte ich heulen. Ich muss an die Katzen dort draußen denken. An die Alten, an die Rangniedrigen, an die Schwachen – an die, die aus dieser Gruppe nicht rechtzeitig ans Futter kommen um noch etwas zu erwischen das nicht gefroren ist. Sie werden unverrichteter Dinge frierend wieder abziehen müssen und eine weitere Nacht in der unerträglichen Kälte ertragen müssen.
Dabei wäre es so einfach, dürften wir nur eine einzige Wärmelampe aufhängen und sie in den leeren, ungenutzten Ställen füttern. Aber das ist nicht erwünscht.
Die Kastrationsaktion haben wir schon mehrmals verschoben, denn bei diesem Wetter kann man keine wildlebenden Katzen frisch kastriert wieder zurücksetzen, das wäre unverantwortlich.
Ich wünsche mir das Frühjahr und den Sommer herbei, damit diese Tiere endlich wieder die warme Sonne auf ihrem Fell spüren können und nicht frierend im Schnee sitzen müssen. Damit wir sie kastrieren und behandeln können und damit sie sich – ihrer Natur entsprechend - selbst einen kleinen Teil ihrer Nahrung auf den umliegenden Wiesen fangen können. Und auch, damit ich sehen kann, wie Minka, Petita, Mieziemamma, Hasi, Tigri, Flecki, Sternchen der hübsche Blue, die scheue Naseweis und die ganzen anderen vielleicht doch einmal etwas mutiger werden und sich näher an mich herantrauen.
Bevor ich einschlafe denke ich noch mal kurz an die Katzen und ich bin mir sicher: jeder Mensch bekommt seine „Quittung“ für das, was er tut und vor allem für das war er eben nicht tut. Der eine bekommt sie früher, der andere später. Aber jeder bekommt sie und zwar hier, und nirgendwo anders.
Diese Geschichte wurde eingeschickt von Sylvia Enders, THV-Team